Wörterbuch
der Sozialpolitik

Suchmaschine
A - B - C - D - E - F - G - H

I - J - K - L - M - N - O - P

Q - R - S - T - U - V-W - XYZ

Zivilgesellschaft

Die Zivilgesellschaft zeichnet sich durch einen offenen Charakter und radikal säkularisierte Grundlagen der Politik aus. Konfliktbereitschaft und Konfliktfähigkeit sind wichtige Komponenten der civil society. Sie manifestieren sich in neuen Formen gesellschaftlicher Proteste und in divergenten sozialen Bewegungen, die ein hohes Maß an Autonomie gegenüber staatlichen Einrichtungen postulieren.
Die Zivilgesellschaft hat verschiedene Stränge. Ältere Staatstheorien thematisierten die Frage der civil society bereits im 17. Jahrhundert. John Locke leitete damals gesellschaftliche Institutionen und Integrationsformen aus den Bedürfnissen der Individuen ab. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts engagierte sich im ehemaligen Ostblock die Bürgerrechtsbewegung dafür, die Zivilgesellschaft zu stärken. Soziale Bewegungen begannen sich während der 70er-Jahre auch in westlichen Industrieländern für den Schutz ziviler Einrichtungen einzusetzen.
Die Frage nach dem Rückzug des Staates beeinflusst die aktuelle Debatte über die Zivilgesellschaft. Die Reaktivierung des Zivilen soll dazu beitragen, gesellschaftliche Aufgaben neu zu verteilen und den sozialen Zusammenhalt (bzw. die Solidarität) zu festigen. Kommunitaristische Strömungen diskutieren, "wie wir eine Zivilgesellschaft wiederherstellen" können (Etzioni 1995, 3). Sie wollen die Bereitschaft fördern, mehr Freiwilligenarbeit zu leisten. Diese umfasst primär unentgeltliche Tätigkeiten zugunsten anderer. Sie versteht sich als gelebte Solidarität und zielt darauf ab, herkömmliche Leistungssysteme zu ergänzen und zu verbessern. Ohne Freiwilligenarbeit könnten moderne Gesellschaften kaum existieren.
Die Zivilgesellschaft setzt sich aus unzähligen Gruppen und Institutionen zusammen, die sich für Umweltschutz, Menschenrechte und andere soziale Anliegen engagieren. Sie steht in einer langen Tradition der Gemeinnützigkeit und geht zunächst von Einzelpersonen, Familien, sozialen Bewegungen, Genossenschaften, Gewerkschaften, politischen und kirchlichen Organisationen aus. Im Vordergrund stehen Aktivitäten außerhalb der Staats- und Marktsphäre als Praxisform gesellschaftlicher Selbstorganisation.
Die Unterscheidung von ziviler Gesellschaft und Staat gilt weithin als Kennzeichen der Moderne. Anthony Giddens (1997, 187) kritisiert diese Trennung. Seiner Auffassung nach ist "die Zivilgesellschaft nie bloß eine Reihe von Einrichtungen außerhalb des Staates gewesen". Der Staat ist kein Selbstzweck. Er umfasst zahlreiche gesellschaftliche Institutionen und nimmt - auch über die Unterstützung ziviler Einrichtungen - Funktionen wahr, die von öffentlichem Interesse sind.
Die zivilgesellschaftlichen Einrichtungen sind ein wichtiges Instrument einer umfassenden demokratischen Bewegung. Sie machen Probleme sichtbar, ziehen Mächtige zur Verantwortung und weiten die öffentliche Entscheidungsfindung aus. Das gilt auch im weltweiten Kontext. Die globale Zivilgesellschaft ist ein Korrektiv zu wirtschaftlichen Konzentrationsprozessen. Sie konstituiert sich heute zunehmend als Koordination von Nonprofit-Organisationen und Nichtregierungsorganisationen, die eng mit politischen Zusammenschlüssen wie den Vereinten Nationen kooperieren.

Verweise: Dritter Sektor/Nonprofit-Sektor/Gemeinnützigkeit Kommunitarismus Private Organisationen im Sozialbereich Solidarität Unbezahlte Arbeit/Freiwilligenarbeit/Ehrenamt

Literatur:

  • Amitai Etzioni, Die Entdeckung des Gemeinwesens - Ansprüche, Verantwortlichkeiten und das Programm des Kommunitarismus, Schäffer-Poeschel, Stuttgart 1995
  • Anthony Giddens, Jenseits von Links und Rechts, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997
  • Ueli Mäder, Für eine solidarische Gesellschaft, Rotpunktverlag, Zürich 1999
  • Michael Walzer, Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie, Rotbuch, Berlin 1992.

    Ueli Mäder


    Zivildienst Zwang in der Psychiatrie