Wörterbuch
der Sozialpolitik

Suchmaschine
A - B - C - D - E - F - G - H

I - J - K - L - M - N - O - P

Q - R - S - T - U - V-W - XYZ

Wohlfahrtspluralismus (Welfare Mix)

Das Konzept des Wohlfahrtspluralismus bzw. des Welfare Mix verweist auf das Faktum, dass zur Produktion der sozialen Wohlfahrt nicht nur der Staat und der Markt, sondern auch eine Vielzahl von intermediären Organisationen (Nonprofit-Organisationen, Selbsthilfegruppen), Familien und soziale Bewegungen beitragen (vgl. Evers und Olk 1996). Von daher bildet der Begriff primär eine Reaktion auf die Dominanz der Markt-Staat-Dichotomie in der Wohlfahrtsregime-Forschung. Dabei lassen sich eine analytische und eine normative Dimension des Konzepts unterscheiden. Aus analytischer Sicht interessieren vorab die funktionalen Beiträge der angesprochenen Sektoren sowie die Unterschiede zwischen den nationalen Welfare Mixes (vgl. Esping-Andersen 1990). So ist erkennbar, dass der Markt in Ländern mit angloamerikanischem Kapitalismus-Modell eine ungleich wichtigere Rolle einnimmt als etwa in den skandinavischen Ländern. In der Gruppe der Länder mit "rheinischem" Kapitalismus-Modell, zu der auch die Schweiz gehört, spielen dagegen die Nonprofit-Organisationen eine vergleichsweise wichtige Rolle. In den südeuropäischen Ländern ist wiederum die Familie ein wichtiger Wohlfahrtsproduzent.
Aus normativer Sicht stellt sich die Frage nach dem optimalen Welfare Mix bzw. die Frage, welcher Sektor am besten in der Lage ist, ein gesellschaftspolitisches Ziel zu realisieren. Prominentester Kritiker des Wohlfahrtspluralismus ist Richard Titmuss. Er vertrat schon 1958 die Ansicht, dass die Expansion der freien Wohlfahrtspflege das universalistische Gleichheitsprinzip unterminiert. Seit den 90er-Jahren findet in den westlichen Ländern allerdings vorab die Ansicht Resonanz, dass der Staat bei der Erfüllung vieler Ziele versage und daher zu substituieren sei. So kritisiert z.B. der Neoliberalismus vorab die Ineffizienz und Leistungsfeindlichkeit des Sozialstaats und fordert daher eine Revitalisierung des Marktprinzips im Bereich der sozialen Dienste. Der Kommunitarismus moniert wiederum, dass der Staat zum Abbau naturwüchsiger Solidaritätsnetze beitrage, die Lebenswelt penetriere und im Unterschied zur Familie und zu zivilgesellschaftlichen Assoziationsformen (z.B. Vereinen) nicht in der Lage sei, das menschliche Bedürfnis nach sozialer Geborgenheit zu realisieren.

Verweise: Dritter Sektor/Nonprofit-Sektor/Gemeinnützigkeit Kommunitarismus Neoliberalismus

Internet:

  • http://www.sozialinfo.ch/adressen/organisation.htm

    Literatur:

  • Gösta Esping-Andersen, The Three Worlds of Welfare Capitalism, Polity, Cambridge 1990
  • Adalbert Evers, Thomas Olk (Hrsg.), Wohlfahrtspluralismus. Vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft, Westdeutscher Verlag, Opladen 1996
  • Richard Titmuss, Essays on the Welfare State, Allen and Unwin, London 1958.

    Michael Nollert


    Wohlfahrt (gemeinsame) Wohlfahrtsstaat