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Wörterbuch der Sozialpolitik A - B - C - D - E - F - G - H |
Soziale Arbeit
Soziale Arbeit als Disziplin und Profession reflektiert, konzeptualisiert, erforscht und bearbeitet ein Spektrum von sozialen Problematiken, Handlungsfeldern und sozialen Systemen, in die sie direkt oder indirekt einbezogen ist. Historisch betrachtet ist sie eine Antwort auf
die Soziale(n) Frage(n) des 19. und 20. Jahrhunderts, im Besonderen auf Probleme der Marginalisierung auf der Basis von Klassen-, Schichtungsstrukturen, der Geschlechterordnung, ethnisch-religiöser und weiterer symbolisch legitimierter Unrechtsordnungen. Dabei haben sich unterschiedliche Hilfeformen entwickelt: Gaben im Rahmen von Reziprozitätsverpflichtungen, religiös vorgeschriebene Almosen und ehrenamtliche Wohltätigkeit wurden durch staatlich konzipierte Sozial-, Armenerziehung und -fürsorge, sozialdiagnostisch begründete, professionelle Einzel- und Familienhilfe, Sozialpolitik von unten (Teilnahme an sozialen Bewegungen, Gemeinwesenarbeit) und neuerdings durch ein Dienstleistungs- und Managementverständnis abgelöst oder ergänzt. Gegenstand Sozialer Arbeit sind soziale Probleme. Soziale Probleme sind sowohl Probleme von Individuen als auch Probleme im Zusammenhang mit einer Sozialstruktur und Kultur, in der sie eingebettet sind. Im Fall der Individuen beziehen sie sich auf soziale und kulturelle Barrieren - problematische strukturelle Chancen, Regeln und Codizes - in Abhängigkeit von ihrer gesellschaftlichen Position, die es ihnen erschweren oder verunmöglichen, ihre Bedürfnisse dank eigener kognitiver wie praktischer Anstrengungen zu befriedigen. Diese individuellen Nöte können sich auf Folgendes beziehen: - Zu geringe oder fehlende sozioökonomische Ausstattung (Bildungs-, Beschäftigungs-, Einkommensniveau, Statusungleichgewichte), fehlende sozialraumbezogene Infrastruktur; - fehlende Erkenntnis- und Handlungskompetenzen (sozial abweichendes Verhalten usw.); - problematische Selbst-, Fremd- und Gesellschaftsbilder (Vorurteile, Klassismus, Sexismus, Rassismus, Rechts- und Linksextremismus); - fehlende soziale Mitgliedschaften (soziale Isolation oder erzwungener Ausschluss). Im Zusammenhang mit sozialen Interaktionsfeldern und Systemen sind es u.a. Probleme - der fehlenden Reziprozität bei Austauschbeziehungen, der gestörten oder verhinderten Kooperation; - der Ressourcenverteilungs-, Anordnungs- bzw. Arbeitsteilungsregeln; diese können diskriminierend-privilegierend, ausschließend, ausbeuterisch/kolonisierend/manipulativ und mithin illegitim oder/und gewaltfördernd sein; - der kulturellen Kolonisierung aufgrund von symbolischen Ungleichheitsordnungen, - der willkürlichen, herrschaftsbezogenen Legitimationsverfahren für Ungerechtigkeit und soziale Regeln der Machtverteilung; - der willkürlichen Kontrollen und Sanktionen sowie der zwischenmenschlichen oder sozial organisierten Gewaltausübung bis hin zur kriegerischen Vernichtung. Es gibt heute kaum ein von der Sozialen Arbeit bearbeitetes Problem - sei es Armut, Erwerbslosigkeit, Working Poor, illegale Drogen, AIDS, Kriminalität, Migration, Flucht und deren Folgen, ferner interkulturelle Konflikte, Rassismus, Menschenhandel und Gewalt -, das nur "hausgemacht" wäre. Man muss vielmehr von der Transnationalisierung sozialer Probleme ausgehen, was auch die Transnationalisierung Sozialer Arbeit nach sich zieht. Als Disziplin ist Soziale Arbeit auf transdisziplinäre Erklärungen sozialer Probleme angewiesen; ihr Bezugswissen bezieht sie aus Biologie, Psychobiologie, Psychologie, Sozialpsychologie, Soziologie (eingeschlossen Ökonomie und Politologie) sowie Kulturtheorie und Philosophie, Ethik und Recht. Als Handlungswissenschaft entwickelt sie wissenschaftsbasierte Arbeitsweisen/Verfahren zur Milderung und Lösung sozialer Probleme. Ressourcenerschließung (Sozialarbeit) und die Förderung von Lernprozessen (Sozialpädagogik) sind die ältesten Arbeitsweisen; neu hinzugekommen sind, je nach Problemsituation, Case Management, Bewusstseinsbildung, interkulturelle Verständigung, Partizipationsförderung, Netzwerkarbeit, Mediation, Gewaltprävention, Arbeit mit Traumatisierten, Ermächtigung, Lobbying, Öffentlichkeits-, Demokratisierungs- und Menschenrechtsarbeit u.a.m. und deren Kombination. Soziale Arbeit als Profession erfüllt gemäß ihrem Selbstverständnis im Wesentlichen zwei Funktionen: Im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Funktion trägt sie zur Verhinderung, Linderung wie Lösung sozialer Probleme bei. Dabei stützt sie sich auf wissenschaftsbegründetes Veränderungswissen, eine Professionsethik (internationale und nationale Berufskodizes) sowie legitime und (verfassungs)rechtlich legitimierte Macht. In ihrer Funktion gegenüber den Adressatinnen und Adressaten erschließt sie individuelle wie gesellschaftliche Ressourcen mit dem Ziel der Befriedigung ihrer Bedürfnisse und unterstützt Lern- und Befreiungsprozesse. Sie fördert die Einlösung legitimer Rechte und besteht auf der Einlösung zumutbarer, legitimer Pflichten. Soziale Arbeit interveniert aber auch im sozialkulturellen Kontext und damit in sozialen Systemen mit dem Ziel der Herstellung menschen- bzw. bedürfnisgerechter Strukturen und mithin sozialer Regeln. Wie in jedem menschlichen Handlungsfeld ist allerdings Machtmissbrauch nicht auszuschließen. Die Trägerschaft Sozialer Arbeit besteht zu einem großen Teil aus staatlichen Organisationen und großen, vom Staat subventionierten privaten Werken (Pro Juventute, Pro Infirmis, Pro Senectute, Pro Mente Sana, Caritas, Arbeiterhilfswerk usw.), aber auch privaten Werken wie die Kirchen, die schweizerischen und kantonalen gemeinnützigen Gesellschaften. Daneben gibt es gewerkschaftsnahe Soziale Arbeit und im Zuge des Um- und Abbaus des Sozialstaates vermehrt eigenwirtschaftliche Privatpraxen. Weltweit betrachtet lassen sich zunehmend professionell arbeitende, lokale und (trans)nationale Initiativen und Projekte feststellen, die u.a. von den Ausbildungsstätten ausgehen und von Mischfinanzierungen, Spenden, Sponsoren und vor allem viel freiwilligem, unbezahltem Engagement leben. Dadurch ergibt sich eine zunehmende Einbettung der Sozialen Arbeit in Nichtregierungsorganisationen (humanitäre Hilfe, Friedens- und Menschenrechtsarbeit). Die Handlungsfelder umfassen den sozialen Mikro-, Meso- und Makrobereich, das heißt Individuen, Familien, Kleingruppen, lokale, nationale wie weltweite sozialräumliche Gemeinwesen, Organisationen des Bildungs-, Wirtschafts-, Justiz-, Gesundheitswesens sowie der Freizeit- und Kultureinrichtungen, die sich mit als sozial problematisch definierten Adressaten befassen. Die vorgebrachten Argumente, der Sozialen Arbeit im deutschen Sprachraum Disziplin- und Professionswürdigkeit abzusprechen, waren und sind unerschöpflich. In Deutschland wurde nun aber von der Konferenz der Rektoren und Präsidenten der Hochschulen (HRK) sowie der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) im Oktober 2001 Soziale Arbeit als eigenständige Fach- bzw. Handlungswissenschaft erklärt. Von der UNO und den internationalen Verbänden (International Association of Schools of Social Work; International Federation of Social Workers) ging 1992 die Initiative aus, Soziale Arbeit als (eine) Menschenrechtsprofession zu definieren und entsprechend zu konzipieren. Es ist zu hoffen, dass sich die lehrenden, forschenden und praktizierenden Mitglieder der Profession aufgrund dieser beiden Legitimationsgrundlagen nicht mehr hauptsächlich in einem intellektuelle Ressourcen raubenden Legitimations- und Abgrenzungsdiskurs abmühen, sondern ihre Kapazitäten in den Dienst von wissenschaftlich-professionellen sozialen Problemlösungen und der Weiterentwicklung der Profession einsetzen. Verweise: Fachhochschulen und Höhere(n) Fachschulen für Soziale Arbeit (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der, SASSA) Schweizerischer Berufsverband Soziale Arbeit (SBS/ASPAS) Unterstützungssystem Literatur:
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