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Wörterbuch der Sozialpolitik A - B - C - D - E - F - G - H |
Armut
Die Definition von Armut als unerträgliche Ausgrenzung sollte der Ausuferung terminologischer Varianten ein Ende setzen, anhand deren versucht wird, eine wahrhaft komplexe Wirklichkeit zu beschreiben. Nach Serge Milano widerspiegelt die Überfülle von Begriffen (absolute Armut, relative Armut, traditionelle Armut, neue Armut, anhaltende Armut, Armut unter den Erwerbstätigen - Working Poor -, extreme Armut, Armut im Sinne von Prekarität usw.) die Vielfalt der Wahrnehmungen von Wirklichkeit. Die Frage, ob es um Erkenntnis oder um Intervention geht, prägt die Wahrnehmung und die Begriffsbildung. Zudem ist die beschriebene Wirklichkeit oft schwer zu fassen, flüchtig und verschwommen. Die Definition von Armut als "unerträgliche Ausgrenzung" sollte alle Dimensionen, die einen Zustand der Armut charakterisieren, wiedergeben.
Armut bedeutet zunächst das Verfügen über eine sehr unterdurchschnittliche Menge an materiellen Ressourcen und staatsbürgerlichen Rechten. Dieser Mangel ist so groß, dass die Teilnahme am Gemeinschaftsleben und die Beteiligung an sozialen Alltagsaktivitäten gefährdet sind. Die auf diese Weise definierte soziale Ausgrenzung wird jedoch erst unerträglich, wenn sie auch die biologischen, psychischen und geistig-moralischen Existenzbedingungen von Menschen oder Bevölkerungsgruppen bedroht. Armut ist folglich das Resultat einer kausalen Abfolge: unterdurchschnittliche Ressourcen - soziale Ausgrenzung - Gefährdung des moralischen und physischen Überlebens. Die Individualisierung und die Abgrenzung von Armut bedingen daher die Teilnahme der sozialen Akteure an der Untersuchung der Verarmungsprozesse und an der analytischen Konstruktion von "Armutskarrieren" auf lokaler Ebene. Das gleichzeitige Vorkommen von Ausgrenzung und existenzieller Krise zeigt einen Ausweg aus der Tautologie und der paradoxen Situation, die in offiziellen Definitionen von Armut implizit enthalten sind, wonach jemand arm ist, wenn sein Einkommen unter einer bestimmten festgelegten Schwelle liegt (40, 50, 66 Prozent des Durchschnitts- oder Median-Netto-Äquivalenzeinkommens). In dieser Perspektive ist Armut (nur) eine besonders gravierende Form von sozialer Ungleichheit. Die konventionelle Messung von Armut ist nicht eindeutig (inverse Korrelation zwischen Armut und wirtschaftlicher sowie sozialer Konjunktur). Die Unterscheidung zwischen Armut und Ungleichheit ist hingegen unabdingbar, denn damit verbunden sind verschiedene Formen der Legitimierung von Sozialpolitik. Der Kampf gegen Armut betrifft die Verteidigung des sozialen Grundrechts aufs Überleben, das eine moralische Verpflichtung jeglicher Zivilgesellschaft darstellt. Der Kampf gegen soziale Ungleichheiten (in Bezug auf Lebenschancen, auf Einkommen, auf Kräfteverhältnisse auf dem Gütermarkt, dem Arbeitsmarkt usw.) ist demgegenüber den systemischen Bedingungen und den gesellschaftlich und politisch bedeutsamen Motivationen untergeordnet. Der Kampf gegen soziale Ungleichheiten muss als solcher verhandelt werden. Die moralische Verpflichtung des Kampfes gegen Armut legt auch eine Armutsschwelle als Interventionsschwelle fest. Die Gesellschaft anerkennt diese Armutsschwelle als "absolut" und leistet zu de-ren Überwindung mindestens eine finanzielle Anstrengung. Diese Schwelle schließt bei der Analyse der Armutsgründe neben der wirtschaftlichen Situation, die sicherlich sehr wichtig ist, auch andere Formen sozialer Bindungen ein (Familien- und Gruppensolidarität, Formen sozialer Reziprozität und gemeinschaftlicher Selbsthilfe). Verweise: Armutsgrenzen Ausgrenzung Prekarisierung Soziale Ungleichheiten Literatur:
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