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der Sozialpolitik

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Prekarisierung

Der Begriff der Prekarisierung umfasst Situationen potenzieller Armut, die an die Erosion des so genannten Normalarbeitsverhältnisses gebunden sind. Dieses charakterisiert eine bestimmte historische Ausprägung der Arbeitsverhältnisse, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch einen gewissen Grad an arbeitsrechtlicher und sozialstaatlicher Formalisierung auszeichneten. Dieses Normalarbeitsverhältnis hat im Kontext neoliberaler Deregulierung und Flexibilisierung an Bedeutung verloren. Staatliche Vorschriften und kollektivvertragliche Schutzbestimmungen werden ausgeräumt, um die Zu- und Abgänge von Arbeitskräften entsprechend schnell an veränderte Produktions- und Absatzbedingungen anzupassen. Klar definierte Lohnskalen und Arbeitszeitregime werden aufgeweicht, unbefristete Arbeitsverträge in temporäre oder projektbezogene Einsätze umgewandelt sowie Vollzeitstellen durch Teilzeitstellen ersetzt.
Untersuchungen haben gezeigt, dass für einen Teil der Arbeitnehmenden im Bereich der flexiblen Arbeitsverhältnisse solche zunehmen, die als prekär zu bezeichnen sind. So muss heute jede zehnte Arbeitssituation in der Schweiz als prekär bezeichnet werden, bei den Frauen sind fast 20 Prozent der Arbeitsplätze betroffen (vgl. Knöpfel, Prodolliet 2001). Vor allem in geringer qualifizierten Dienstleistungstätigkeiten wächst das Ausmaß der atypischen Beschäftigung: geringfügige Beschäftigung, Leiharbeit, abhängige Selbständigkeit, neue (Tele-)Heimarbeit. Solche Beschäftigungsverhältnisse sind gekennzeichnet durch eine Instabilität des Arbeitsplatzes (Arbeit auf Abruf, Gelegenheitsarbeiten, kurzfristige Temporäreinsätze, variable Teilzeitanstellungen usw.), eine mangelnde Kontrolle über das Arbeitsverhältnis bzw. die fehlende Möglichkeit, auf die Gestaltung des Arbeitsverhältnisses Einfluss zu nehmen (Mehrfachbeschäftigung, informelle oder irreguläre Arbeit, atypischer Arbeitsort), fehlende Schutzbestimmungen (Tätigkeiten ohne Arbeitsbewilligung, Arbeitsvertrag oder Aufenthaltsbewilligung) sowie niedrige Einkommen, die zu Armut oder sozialer Desintegration führen (Niedriglohn, Scheinselbständigkeit).
Die sozialwissenschaftliche Diskussion über die Prekarisierung hat den Blick auf die soziale Bedeutung veränderter Arbeitsbedingungen eröffnet und den Einbezug von Fragen der Diskriminierung und der Machtverhältnisse ermöglicht. Pierre Bourdieu thematisiert Prekarisierung als "Teil einer neuartigen Herrschaftsnorm, die auf die Errichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmenden zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zu zwingen" (Bourdieu 1998, 100). Dies bedeutet, dass die Situation der betroffenen Personen insofern von Unsicherheit geprägt ist, als eine vorläufig gesicherte Position rasch in eine ungesicherte umschlagen kann. Der Hinweis auf den Zwangscharakter entsprechender Arbeitsverhältnisse macht außerdem deutlich, dass Menschen, die sich in solche Arbeitssituationen begeben, dies nicht aus freien Stücken tun. Vielmehr sind sie direkt (durch sozialpolitische Aktivierungsmaßnahmen) oder indirekt (vor dem Hintergrund der Arbeitslosigkeit) dazu gezwungen, da ihnen keine anderen Möglichkeiten offen stehen.

Verweise: Armut Atypische Beschäftigungsformen Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen Neoliberalismus Normalarbeitsverhältnis Working Poor

Literatur:

  • Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, UVK, Konstanz 1998
  • Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, UVK, Konstanz 2000
  • Carlo Knöpfel, Simone Prodolliet, Prekäre Arbeitsverhältnisse in der Schweiz, Caritas, Luzern 2001.

    Alessandro Pelizzari


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