Wörterbuch
der Sozialpolitik

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Multikulturalismus

Die Debatte um die Ausgestaltung der multikulturellen Gesellschaft ist gekennzeichnet durch die Frontstellung von Kommunitaristen und Universalisten. Die universalistische Position kritisiert massiv das Konzept der "multikulturellen Gesellschaft". Der Begriff suggeriere, so die Kritik, dass unsere Gesellschaft aus verschiedenen Kulturen (und nicht etwa aus Klassen oder anderen Kategorien) zusammengesetzt sei. Damit werde unter anderem nahe gelegt, die Schwierigkeiten von Migranten und Migrantinnen in der hiesigen Gesellschaft seien im Bereich der Kultur zu lokalisieren und nicht in der Gesellschaft. Im Grunde würden ökonomische und politische Konflikte als Kulturkonflikte beschrieben. Dies sei eine Ablenkungsstrategie oder, schlimmer, eine diskriminierende Haltung, da die Begriffsbildung durch die Festlegung des anderen auf eine Kultur der Ausgrenzung Vorschub leiste. Der entscheidende Denkfehler, so die universalistische Position, sei die Übertragung des Begriffs der Kultur von dem Ort, an dem ihre Existenz berechtigt sei, dem Bereich der Hochkultur, auf den der Alltagskultur, der ethnischen Kultur oder der Sub- und Partialkultur. Letztendlich führe dies nur zu einem Narzissmus der kleinen Differenz, zu einer Überbewertung unterschiedlicher Konsumstile. Es gehe jedoch vielmehr darum, im Neuankömmling nicht den Angehörigen eines fremden Volkes zu sehen, sondern den neuen Mitbürger, der sich in seinem Menschsein nicht vom Einheimischen unterscheidet und deshalb ein Recht habe, als Gleicher geachtet zu werden. Als Gegenleistung könne von den Neuankömmlingen eine Anpassung an die säkularen und menschenrechtlich geprägten Werte der Republik verlangt werden.
Die kommunitaristische Gegenposition wurde in ihrer elaboriertesten Form von Charles Taylor (1992) formuliert. Sein Ausgangspunkt ist das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung, das er mit guten Gründen als universal ansieht. Das Bedürfnis nach Anerkennung erschöpfe sich nicht - wie die Universalisten meinten - in der Anerkennung der allgemeinen Menschenwürde. Vielmehr gebe es darüber hinaus das nicht minder grundlegende Bedürfnis des Individuums, in seiner Besonderheit anerkannt zu werden. Denn, so Taylor: Woraus leiten wir den Anspruch eines jeden Menschen auf Anerkennung seiner Würde ab? Doch wohl aus seiner Fähigkeit zu vernünftigem, selbstbestimmtem Handeln - zu einem individuellen Selbstentwurf, zu einer eigenen und unverwechselbaren Identität. Und weil der eigene Entwurf immer auf der Herkunft des Einzelnen aufbaut, heißt dies auch: so wie man geworden ist. Denn gerade Herkunft, Geschlecht, Religion, Ethnizität, Hautfarbe und Sprache sind für viele Menschen, zumal in der Fremde, Quelle ihres Selbstgefühls, ihrer Selbstachtung, ihrer Identität und auch ihres Stolzes. Damit wird die Anerkennung von etwas gefordert, was zwar allen zukommt, was inhaltlich jedoch sehr unterschiedlich sein kann. Oder um es mit einem Schlagwort zu sagen: Eingefordert wird das "Recht auf Differenz".

Verweise: Antirassismus Identitätspolitik Rassismus

Literatur:

  • Horace Kallen, "Democracy versus the Melting Pot", in: The Nation, Band 100, Nr. 2590/91, New York 1915
  • Charles Taylor, Multiculturalism and the Politics of Recognition, University Press, Princeton 1992
  • Alain Touraine, Critique de la modernité, Fayard, Paris 1993.

    Gianni D'Amato


    Monetarismus Mutterschaft(sschutz)