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der Sozialpolitik

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Medizin (Geschichte der)

Unter Medizin versteht man von jeher eine Technik zur Erhaltung menschlichen Lebens und zur Linderung von Leiden, welche die eigenen Heilungskräfte des menschlichen Organismus mit einbezieht. Sie definiert sich sowohl als Kunst wie auch als Wissenschaft. Zugleich versteht sie sich als praktische Tätigkeit innerhalb eines bestimmten sozialen und kulturellen Umfeldes. Diese wird von den beteiligten Akteuren (Ärzte, Ärztinnen, Pflegende, Spitäler, Standesorganisationen, Berufsverbände, medizinische Fakultäten und andere Ausbildungsstätten, kranke Menschen und ihre Angehörigen) sowie durch unterschiedliche Fachrichtungen (etwa die so genannte Schulmedizin, die Komplementärmedizin und andere therapeutische Schulen) ständig neu gestaltet.
Die Medizin ist geschichtlich gewachsen. Der Verlauf ihrer Geschichte stand nicht zum Vornherein fest. Ihre heutigen Institutionen und Praktiken sind das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von gesellschaftlichen Faktoren. Diese Erkenntnis ist in unserer Gesellschaft jedoch nicht selbstverständlich. Sie trat erst mit einer "Krise" der Medizin ins gesellschaftliche Bewusstsein, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte. Seither wird die Macht der medizinischen Institutionen immer wieder heftig kritisiert. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang etwa die Bewegung der Antipsychiatrie. Ebenfalls eine bedeutsame Rolle spielten die Werke von McKeown und Illich, die Ende der 70er-Jahre erschienen und in der gesamten westlichen Welt auf ein großes Echo stießen. Sie stellten die Wirksamkeit der modernen Medizin in Frage.
Diese "Krise" der Medizin ist heute zweifelsohne noch nicht ausgestanden. Sie äußert sich nach wie vor in den vielen gesellschaftlichen Debatten über medizinische Fragen, etwa in derjenigen über Grenzen der Chirurgie, über die Ausrichtung der Psychiatrie, über die Molekularbiologie und Biotechnologie, über AIDS, über die Macht der Pharmakonzerne und die Finanzierung der Gesundheitsversorgung. Wesentliche Faktoren sind auch die Berücksichtigung der Patientinnen und Patienten als Akteure im System der Medizin und das Phänomen des medizinischen Pluralismus, der mit der Intensivierung des globalen Austausches einhergeht.
Um die Komplexität der Medizin und ihre gesellschaftlichen Zusammenhänge erfahrbar zu machen, ist es nötig, sich mit der Geschichte der Medizin auseinander zu setzen. Die neueste Entwicklung dieser Disziplin ist die kritische Überprüfung der "kontextuellen Medizinwissenschaft" anhand der Sozial- und Politikwissenschaft.

Verweise: Komplementärmedizin

Internet:

  • http://www.hospvd.ch/public/instituts/iuhmsp
  • http://www.mhiz.unizh.ch/

    Literatur:

  • Vincent Barras, "Le médecin, de 1880 à la fin du XXe siècle", in: Louis Callebat (Hrsg.), Histoire du médecin, Flammarion, Paris 1999, S. 269-307
  • Ivan Illich, Die Nemesis der Medizin: die Kritik der Medikalisierung des Lebens, Beck, München 1995
  • Thomas McKeown, The Role of Medicine, Blackwell, London 1976.

    Vincent Barras


    Medikamente Menschenrechte (Europäische Konvention der)