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Wörterbuch der Sozialpolitik A - B - C - D - E - F - G - H |
Konservativismus
Der Konservativismus entsteht als Reaktion auf die Französische Revolution. Als Begründer des politischen konservativen Denkens gilt der Brite Edmund Burke, der als damaliger Zeitgenosse die Französische Revolution insbesondere wegen ihres abstrakten Rationalismus und ihrer Vernunftideologie kritisiert. Ein einheitliches konservatives Denken existiert nicht, der Konservativismus gewinnt seine jeweilige inhaltliche Kontur hauptsächlich in der Auseinandersetzung mit seinen Gegenspielern, dem Liberalismus und dem Sozialismus. Vom Konservativismus ist die Restauration (als Wiederherstellung ehemaliger Verhältnisse) oder die Reaktion (als direkte Gegenbewegung zu stattfindenden Veränderungen) zu unterscheiden. Der Konservativismus lehnt Veränderungen nicht grundlegend ab, gibt jedoch evolutionären Entwicklungen gegenüber revolutionären Neuschaffungen den Vorzug, da er davon ausgeht, dass mit dem Rückgriff auf Vernunftprinzipien keine Ordnung (in politischer wie in sozialer Hinsicht) geschaffen werden könne. Der Konservativismus betont das Organische und das historisch Gewachsene einer jeden Sozialordnung, die aus seiner Perspektive nur allmählich und schonend verändert werden könne.
Im 19. Jahrhundert tritt der Konservativismus gegen den Ansturm des Liberalismus und später des Sozialismus in der Regel als Verteidiger ständischer Interessen, tradierter Lebensweisen und politischer Institutionen sowie religiöser Glaubensüberzeugungen auf. In der Schweiz verbindet sich auf der politischen Ebene konservatives Denken mit dem Katholizismus, was sich in der Gründung der Konservativ-Katholischen Volkspartei 1912 dokumentiert. Der im Rahmen der katholischen Kirche entstehende Sozialkatholizismus ist auch zum Konservativismus zu zählen: die katholische Soziallehre zielt insbesondere auf die Respektierung der historisch gewachsenen Lebensformen ab, propagiert die sittliche Orientierung am Gemeinwohl und drückt durch ihre Berufung auf das Subsidiaritätsprinzip ihre Skepsis gegenüber anonymen und nicht überschaubaren Organisationen aus. Die Durchsetzung und Etablierung des modernen Sozialstaates geht in Europa maßgeblich auf das Wirken konservativer Sozialreformer zurück, die im Zeitalter der Industrialisierung und des Massenelends den Staat vor sozialrevolutionären Erschütterungen bewahren wollten. In der Schweiz legte dagegen der Freisinn den Grundstein für den Sozialstaat. Gegenwärtig findet sich konservatives Denken in verschiedenen Bereichen und ist keineswegs nur auf rechts stehende politische Parteien beschränkt. Die allgemeine Skepsis gegenüber dem technischen Fortschritt, wie sie in der Ablehnung der Atomenergie und auch der Gentechnologie seitens der ökologischen Bewegung zum Ausdruck kommt, ist genauso konservatives Denken, findet seinen politischen Ort jedoch eher in links stehenden Parteien (den Grünen und Teilen der Sozialdemokratie). Konservatives Denken dokumentiert sich weiterhin in religiösen Überzeugungen, wenn beispielsweise mit dem Verweis auf die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens ein Verbot der Abtreibung sowie ein Verbot der Reproduktionsmedizin gefordert wird. Schließlich ist das Festhalten an der immer währenden Neutralität der Schweiz und die sich daraus ergebende Konsequenz, die Ablehnung einer Mitarbeit in supranationalen Organisationen, wie es beispielsweise durch die Schweizerische Volkspartei vertreten wird, ebenfalls konservatives Denken. Verweise: Katholische Soziallehre Liberalismus Sozialismus Sozialstaat
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