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Komplementärmedizin

Komplementärmedizin ist kein einheitlicher Begriff. Je nach geistigem Hintergrund verwendet man dafür auch die Bezeichnungen: Alternativmedizin, Naturheilkunde, Erfahrungsmedizin, Ganzheitsmedizin, Außenseitermedizin, Paramedizin, unkonventionelle medizinische Richtungen, unkonventionelle Therapieverfahren oder besondere Therapierichtungen.
"Komplementär" meint Ergänzung - Ergänzung eines etablierten Medizinsystems zu einem (neuen) Ganzen. Etabliert ist heute die naturwissenschaftlich orientierte Hochschulmedizin (die so genannte Schulmedizin) mit ihrer korrektiven und oft lebensrettenden Medizintechnik. Die Komplementärmedizin versteht sich dagegen als System, das Heilwirkung durch autonome Selbstregulation in einem ärztlich unterstützten Therapieverfahren herbeizuführen sucht. Beide Systeme gehören zum Grundbegriff Heilkunde, entsprechen aber unterschiedlichen Geisteshaltungen.
Ausgeübt wird die Komplementärmedizin sowohl von diplomierten Hochschulmedizinern als auch von auf andere Weise ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten. Letztere nennen sich Naturärzte, Naturheiler, Heilpraktiker u.a. bis hin zu autodidaktischen Geistheilern. Zu den Methoden der abendländischen Heilkunde kommen heute vermehrt Therapien aus dem asiatischen Kulturkreis, wie Akupunktur, Shiatsu, Reiki, Ayur Veda und weitere. Auch hier stammen die darin Tätigen sowohl aus dem Lager der Hochschulabsolventen wie auch aus Laienkreisen mit spezifischer Fachausbildung.
Die unter dem Begriff Komplementärmedizin zusammengefassten therapeutischen Verfahren werden nicht oder nur marginal an Hochschulen gelehrt. Komplementärmedizinische Lehraufträge gibt es an den Universitäten Zürich (Lehrstuhl für Naturheilkunde) und Bern (Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin, KIKOM). Im Vergleich zur "Schulmedizin" stehen der Komplementärmedizin jedenfalls fast keine Forschungsmittel zur Verfügung. Auch die obligatorische Krankenversicherung kommt grundsätzlich nicht für komplementärmedizinische Therapien auf. Eine Ausnahme gilt seit dem 1. Juli 1999 für Homöopathie, Phythotherapie, anthroposophisch erweiterte Medizin, Neuraltherapie und Teile der chinesischen Medizin, sofern sie von einem diplomierten Arzt angewandt werden.
Geschichtlich gesehen hat sich die Komplementärmedizin aus der Volksmedizin heraus entwickelt. Teilaspekte davon sind etwa die Kräutermedizin (mutiert zur heutigen Phytomedizin) oder auf der antiken Säftelehre aufbauende Verfahren (z.B. Aderlass und Schröpfen). Diese und weitere heute unübliche Methoden gehören zu einer etwa 100 bis 300 Jahre zurückliegenden medikalen Kultur und waren damals Teil der etablierten Standardtherapie.
Im 19. Jahrhundert übernahm die universitäre, naturwissenschaftlich gestützte Medizin allmählich eine Monopolstellung. Medizinische Praktiken aus früheren Epochen wurden in Außenseiterpositionen gedrängt. Dabei haben sich jedoch in den letzten Jahrzehnten Homöopathie, anthroposophisch erweiterte Medizin, einige nichtabendländische Therapieverfahren (wie chinesische Medizin oder Ayur Veda aus Indien), Spagyrik u.a. eine gefestigte Position erworben.
Moderne Bestrebungen versuchen unter dem Begriff der integrativen Medizin Aspekte der naturwissenschaftlich orientierten Medizin mit Bereichen der komplementären Therapieformen zu einer verstärkt ganzheitlichen, das heißt Körper, Seele und Geist umfassenden Sicht zu vereinen.

Verweise: Gesundheit Medizin (Geschichte der)

Literatur:

  • Karl W. Kratky, Komplementäre Medizinsysteme. Vergleich und Integration, Ibera, Wien 2002
  • Sabine Sieg, Reinhard Saller, Rosalind Coward, Überblick: Komplementäre Medizin heute, Stadt Celle, Celle 2000
  • Union schweizerischer komplementärmedizinischer Ärzteorganisationen, Komplementärmedizin und Krankenversicherung, Union, Luzern 2001.

    Peter H. Baumann


    Kommunitarismus Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK)