|
Wörterbuch der Sozialpolitik A - B - C - D - E - F - G - H |
Illegale Migration (Sans-Papiers)
Illegale Migration bezeichnet sämtliche Phänomene in Verbindung mit der rechtswidrigen Einwanderung und dem unerlaubten Aufenthalt von ausländischen Staatsangehörigen in modernen Nationalstaaten. Dazu zählen neben dem Grenzübertritt ohne erforderliche oder mit gefälschten Reisedokumenten der unbewilligte Verbleib, die unbefugte Erwerbstätigkeit und gelegentlich das Fehlen gültiger Identitätspapiere. Der Begriff Sans-Papiers für Personen ohne gültige Aufenthaltspapiere wurde Anfang der 1970er-Jahre in Frankreich geprägt, um stigmatisierende Bezeichnungen, die mit Delinquenz konnotiert werden (Illegale, clandestins), zu ersetzen. Die englische Fachliteratur unterscheidet vielfach zwischen Papierlosen (undocumented immigrants), die illegal ins Land gelangt sind und nie ein Aufenthaltsrecht besaßen, und legal eingereisten Einwanderern, die ihre Aufenthaltsberechtigung verloren haben (so genannte overstayers). Dies kann beispielsweise infolge der Nichterneuerung der Aufenthaltsbewilligung nach Ablauf eines Touristenvisums, Abschluss eines Studiums, Ablehnung eines Asylgesuches sowie durch Verlust eines Arbeitsplatzes, Scheidung oder Tod des Ehepartners oder wegen Fürsorgeabhängigkeit, Straffälligkeit sowie am Ende eines Kurzaufenthalts geschehen.
Die rechtliche Situation von Personen ohne Aufenthaltsstatus ist ausgesprochen komplex, da zwar Menschenrechte sowie gewisse sozial- und arbeitsrechtliche Ansprüche für diese Gruppe ebenso Geltung haben wie für registrierte Migranten und Migrantinnen, von den Betroffenen aber nur - wenn überhaupt - mit dem Risiko einer Ausweisung eingefordert werden können. Obwohl illegaler Aufenthalt generell als selbstverschuldet betrachtet wird, ist nicht zu übersehen, dass zahlreiche Betriebe und Privathaushalte von der verfügbaren, meist billigen Arbeitskraft der Sans-Papiers profitieren. Ferner haben die vermehrten Zulassungsbeschränkungen im Ausländer- und Asylbereich zweifellos zu einer Zunahme der Illegalität beigetragen. Die Ursachen illegaler Migration sind aber ebenso komplex, wie die Lebenslagen und Laufbahnen von Personen ohne Aufenthaltsstatus vielfältig sind. Erfahrungsgemäß lassen sich deshalb illegale Migrationsbewegungen selbst bei Bestehen legaler Einwanderungsperspektiven nicht vermeiden; gewiss ist nur, dass erst die Personenfreizügigkeit das Phänomen ganz zu überwinden vermag. Bis Mitte der 90er-Jahre blieb Illegalität im deutschsprachigen Raum ein Randthema, das mit einem Tabu belegt war und nur in Aktivistenkreisen offen debattiert wurde. Seither hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Zuwanderung in einer immer stärker vernetzten Welt durch nationale oder überstaatliche Regelungen nur beschränkt gesteuert werden kann. Im Spannungsfeld zwischen nationalstaatlicher Abgrenzung und sozioökonomischer Realität müssen Behörden und Nichtregierungsorganisationen bereits heute Lösungen im Umgang mit Sans-Papiers finden, die mit einer streng legal ausgelegten Praxis manchmal schwer zu vereinbaren sind. Gerade im Umfeld wachsender wirtschaftlicher Verflechtung und internationaler Mobilität können Antworten auf diesen Problemkomplex nur in einer gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung gefunden werden. Gefordert ist hier eine Politikgestaltung, die sowohl menschenrechtlich vertretbare als auch migrationspolitisch glaubwürdige Handlungsansätze entwickelt. Verweise: Arbeitsmarkt Migration Wirtschaftspolitik Internet: Literatur:
|