|
Wörterbuch der Sozialpolitik A - B - C - D - E - F - G - H |
Gemeinwohl
Gemeinwohl und Gemeinsinn sind zwei aufeinander bezogene Begriffe, die im Zuge einer Renaissance sozial-moralischen Denkens in der politischen Diskussion wieder vermehrt aufgegriffen werden. Gemeinwohl bezeichnet einen normativen Orientierungspunkt sozialen und politischen Handelns, während mit Gemeinsinn die Motivation und Bereitschaft gemeint ist, das eigene Handeln tatsächlich am normativen Ideal der Gemeinwohlorientierung auszurichten. Gemeinwohlorientierung ist eine vorpolitische, aber unverzichtbare Grundlage für staatliches Handeln, insofern der Staat diese nicht selber hervorbringen, sondern nur günstige Randbedingungen zu ihrer Entfaltung schaffen kann.
In pluralistischen Demokratien kann es keine allgemein verbindliche inhaltliche Definition von Gemeinwohl mehr geben. Jede materiale Bestimmung wirft die Frage auf, aus welcher Perspektive sie getroffen wird: Wer gehört zur Gemeinschaft, deren Wohl angesprochen wird, und inwiefern werden Außenstehende durch eine bestimmte Gemeinwohlkonzeption ausgeschlossen oder negativ getroffen? Verwendet wird der Gemeinwohlbegriff allgemein in Verbindung mit Fragen politischer, sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Der Rekurs auf das Gemeinwohl dient oft dazu, in Interessenkonflikten die eigene Position zu legitimieren. Gleichzeitig entwickelt die Berufung auf das allgemeine Wohl indes auch eine selbstverpflichtende Wirkung, sodass "strategisch intendierte Gemeinwohlrhetorik eine tatsächliche Gemeinwohlorientierung (erzwingt)" (Münkler/ Fischer 2002, 15). Der Begriff wird in der öffentlichen Diskussion als kritische Anklage verwendet (z.B. gegen Eigennutz), als Appell (z.B. an Opferbereitschaft) oder Handlungsgebot (z.B. als Aufruf zu Freiwilligenarbeit). Verweise: Solidarität Sozialpolitik Sozialstaat Wohlfahrtspluralismus (Welfare Mix) Zivilgesellschaft Literatur:
|